{"id":145,"date":"2023-06-02T09:58:42","date_gmt":"2023-06-02T09:58:42","guid":{"rendered":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/?p=145"},"modified":"2023-06-02T11:08:35","modified_gmt":"2023-06-02T11:08:35","slug":"interdisziplinaere-forschungsprojekte-eine-spielmechanik-ueberlegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/?p=145","title":{"rendered":"Interdisziplin\u00e4re Forschungsprojekte &#8211; eine Spielmechanik (\u00dcberlegungen)"},"content":{"rendered":"\n<p>Die nachfolgenden \u00dcberlegungen beziehen sich auf Forschungsprojekte der letzten 19 Jahre, die interdisziplin\u00e4r waren und von der Entwicklung von Rehab-Spielen, Wassermangement bis zur historischen Aufarbeitung von Computerspielen reichen. Bei allen Projekten hat der Autor in verschiedenen Funktionen mitgewirkt oder wirkt mit. Der Umfang reicht von Kulturwissenschaften bis hin zu angewandter technologischer Forschung. Der finanzielle Gesamtumfang lag dabei von \u00fcber 50k bis Millionen.  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Magic Circle &#8211; Forschunsprojekt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Forschungsprojekt sind letztlich Magic Circles oder systemtheoretisch eigene Systeme in anderen Systemen. Wobei im Fall von interdisziplin\u00e4ren Forschungsprojekten das Problem darin liegt, dass die Institutionen, die mitmachen, wie auch die Forscher* darin, gesellschaftlich hierarchisch zu Teilsystemen geh\u00f6ren, aber im Fall des Interdisziplin\u00e4ren Forschungsprojekt quer zu den gesellschaftlich etablierten Systemen zusammenarbeiten oder zusammenarbeiten m\u00fcssen (Wie viele Phd Studierende* waren schon in zweiten nicht gewollten Projekten?).<\/p>\n\n\n\n<p>Im besten Fall entsteht also meist tempor\u00e4r etwas Neues, das weder zum einen noch zum anderen geh\u00f6rt. Die Mitglieder eines solchen Forschungsprojektes sind also meist systemisch mehrfach verortet. Dies verst\u00e4rkt in interdisziplin\u00e4ren Forschungprojekten die schon vorhandenen Zentrifugalkr\u00e4fte von Forschungsprojekten (Temporalit\u00e4t, institutionelle Interessen, Eigeninteressen) zus\u00e4tzlich. Anders gesagt, es wird hier in verschiedensten Zusammenh\u00e4ngen und verschiedensten Frameworks, verschiedensten B\u00fcrokratien, verschiedensten Denkmustern, verschiedensten Philosophien &#8218;abgerechnet&#8216;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Commitments, Regeln von interdisziplin\u00e4ren Forschungsprojekten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im besten Fall ist ein Forschungsprojekt eine eigene Scientific Community zu einem sehr spezifischen Thema. Dies ist im Falle von interdisziplin\u00e4rer Forschung umso mehr der Fall, als das es hier um etwas geht, was sonst nicht so verhandelt wird oder nur am Rande in den Disziplinen vorkommt. Im besten Fall entsteht auch ein neues eigenes Feld mit entsprechenden Institutionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Forschungsprojekt hat als erstes das Ziel Wissen zu generieren (wobei nat\u00fcrlich auch Wissen in Form von Netzwerk entsteht). Dieses Wissen wird erarbeitet, erschlossen,  per gefundenen \/ erschaffenen Artefakten, Experimenten erstellt. Das so neu geschaffene Wissen ist gerade in einem interdisziplin\u00e4ren Projekt vielfach eine Leistung der Gruppe, die anders nicht exisitieren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art des Verst\u00e4ndnis ist eine Grundbedingung, dass interdisziplin\u00e4res Arbeiten \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Es ist das Committment, das eigentlich jede* Beteiligte* eingeht &#8211; auch wenn dies leider allzu oft nicht verbalisiert oder institutionalisiert wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden gibt es dann auch oft grosse Diskussionen und Auseinandersetzungen etwa um die Verwertungsrechte allgemein, aber auch in den spezifischen Einzeldisziplinen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Community und Motivationsmechanik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In vielen interdisziplin\u00e4ren Forschungszusammenh\u00e4ngen funktioniert dies einigermassen, da die einzelnen Disziplinen weiterhin sch\u00f6n getrennt arbeiten und damit problematische Zusammenst\u00f6sse vermieden werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die (inh\u00e4renten) Probleme tauchen aber mit sch\u00f6ner logischerweise Regelm\u00e4ssigkeit auf, wenn es um das gemeinsam erarbeitete Wissen und deren Verwertung geht. Oder gar wenn Teile verschiedene Arten von Information Dissamination betreiben (Ver\u00f6ffentlichungen, Papers, Vortr\u00e4ge). <\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam erarbeitete Fakten sind eigentlich das zentrale Element von interdisziplin\u00e4rer Zusammenarbeit und auch ihr gr\u00f6sster Weakpoint.  Sobald es in der Community Teilnehmer* gibt, die anfangen sich als Freerider* zu bedienen ohne Gegenleistung bricht das System zusammen. Denn der Deal &#8218;wir arbeiten an was Gemeinsamen&#8216; wird obsolet. Die Frage steht im Raum: Warum soll ich teilen, wenn mein erarbeitetes Wissen abgezogen wird? Oder anders gesagt, wenn jemand anders mit gemeinsamen Wissen sich pers\u00f6nlich in einer Kapitalie bereichert auf Kosten des Projekts oder sogar des Individuums? (Eine Motivationsfrage, die \u00fcber kurz oder lang bei allen Projekten aufkam, bei denen eine Hauptmotivation &#8218;wissenschaftliche Verwertung war.)<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist der Moment, wo die Community und der Magic Circle zerbricht und das Projekt in Einzelteile zerf\u00e4llt. Und das nat\u00fcrlich zu recht. Dies trifft im Besondern auf Projekte zu, die nicht reine Forschung betreibt &#8211; sondern auch noch das Ziel haben Forschungsausbildung zu sein. Leider f\u00f6rdert hier meiner Meinung nach der SNF indirekt diese Problematik (Diskriminierung durch keine Anstellungsprozenzte f\u00fcr Antragsteller* im Projekt, Festhalten am Universit\u00e4ren Modell von Forschung (Professor*stellen im Mittelpunkt und Vermischung von Funktionen), wie auch Anforderungen an PhD Stellen in einem Teil der Gesuche.). <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rollen, Kapitalisierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die verschiedenen Rollen gerade in motivationstechnischen heterogenen Forschungsgruppen m\u00fcssen diskutiert werden. Dazu geh\u00f6rt auch die Kapitalisierung der verschiedenen Rollen und M\u00f6glichkeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Phd-Studierender* hat eine ganz andere Stellung im System und Abh\u00e4ngigkeit oder Forschende ohne Qualifikationsdruck. Den Ersteren geht es darum, etwas schriftlich Konsistentes im Umfang einer Dissertation zu erarbeiten &#8211; was mit einem Titel belohnt wird, die Zweiteren k\u00f6nnen sich ein m\u00f6glichst fr\u00fches Publizieren erlauben oder sogar leisten, andere k\u00f6nnen publizieren, weil sie sowieso f\u00fcrs Forschen bezahlt sind. Wieder andere arbeiten anders. Hier trifft auch eine Vielfalt von Teilhabe an der Scientific Community aufeinander. <\/p>\n\n\n\n<p>Anders gesagt, wer wird in welchen Kapitalien (Bourdieu: Monit\u00e4r, symbolisch etc) wie bezahlt in diesem Projekt. Wer arbeitet dar\u00fcber hinaus an eigenen Kapitalisierungen.  Wie wird eingezahlt auf das Kapital des Projektes? Es reicht hier meist nicht einfach sich darauf zu verlassen, dass das schon gut geht. Denn eines ist klar: Wenn es nur irgendwo anf\u00e4ngt zu br\u00f6ckeln, dann br\u00f6ckelt das System &#8211; weil seine Regeln br\u00f6ckelt. Und deswegen sollte man sich keine Illusionen machen, die Abgeltung muss ganz konkret geregelt sein. Und dies zeigen die allermeisten Projekte leider mehr oder minder krass. Wobei die meisten Projekte nie \u00f6ffentlich mit einem PostMortem ins Wissen der Praxis der Forschung eingehen, weil auch hier die Sieger* die Geschichte schreiben. Aber die Erfahrung zeigt,  man* k\u00e4mpft am Ende \u00f6fters mit Institutionen, die sehr freedridig unterwegs sind und auch die allgemeine Motivation schwindet, solche Forschungsprojekte \u00fcberhaupt zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Massnahmen: Von der Dokumentation bis zur Nennung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da leider bis heute ein Grossteil der Anerkennung in der weltweiten Scientific Community (nach den Anstellungen) die Artikel\/B\u00fccher und deren (symbolisches?) Kapital ist und eingebettet damit die Autorschaft, ist dieser Bereich besonders wichtig. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier gilt es gerade in interdisziplin\u00e4ren Zusammenh\u00e4ngen wirklich alle zu nennen von den Bauern* von Experimentaleinrichtungen, den Findern* von Artefakten, den Mitarbeitern im Allgemeinen bis zu den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen. Leider hat allerdings hier auch eingerissen, dass alle diese Beteiligte* am Text beteiligt sein m\u00fcssen, um genannt zu werden (Viele Verlage regeln das heute so).* Eine eigentlich anti-disziplin\u00e4re Haltung, da gerade in interdisziplin\u00e4ren Projekten es eben um alles das geht. Es geht um diesen Zusammenhang, ohne den es nicht geht. Eine interdisziplin\u00e4re Forschungsgemeinschaft ist auch das). Wer die Verwertungen am gemeinsamen Gut nicht kenntlich macht, hintergeht letztlich die Idee von interdisziplin\u00e4ren Projekten und ist wissenschaftlich nicht transparent. Es ist klassisches Freerider*verhalten und beutet es aus. Und so entstehen als Massnahme in interdisziplin\u00e4ren Forschungprojekten dann meist auch Untercommunities, die sich versuchen an ihre Regeln zu halten. Communities deren Magic Circle meist auch gemeinsame Werte enthalten und praktizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinn sind interdisziplin\u00e4re Forschungsprojekte und deren Verwertung eigentlich nicht laxer zu handhaben sondern strenger, denn die Unwahrscheinlichkeit des Gelingens h\u00e4ngt massiv von der Fairness im Projekt ab. Und wer meint, dass das immer alles so &#8218;fair&#8216; abging, sollte nochmals detailiert seine Forschungsprojekte durchschauen. Es ist unwahrscheinlich auch in der Forschung, dass sie fair gelingt. <\/p>\n\n\n\n<p>* Der Hintergrund sind nat\u00fcrlich die Verfehlungen der Scientific Community, wo sich Leute ohne jeden Bezug auf die Papers setzen liessen. Dabei ist auch hier wieder die Frage, ob nicht die Finanzierung auch ein Teil des Projektes ist. Was aber dann sich ja in der Rangierung der Nennungen \u00e4usseren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die nachfolgenden \u00dcberlegungen beziehen sich auf Forschungsprojekte der letzten 19 Jahre, die interdisziplin\u00e4r waren und von der Entwicklung von Rehab-Spielen, Wassermangement bis zur historischen Aufarbeitung von Computerspielen reichen. Bei allen Projekten hat der Autor in verschiedenen Funktionen mitgewirkt oder wirkt mit. Der Umfang reicht von Kulturwissenschaften bis hin zu angewandter technologischer Forschung. Der finanzielle Gesamtumfang [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-145","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=145"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":164,"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/145\/revisions\/164"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=145"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=145"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/research.swissdigitization.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=145"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}